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Wernhera Sertürner – Ein Leben für die Kunst

Viele Hamelner kennen Wernhera Sertürner noch, entweder als Künstlerin oder als in Hameln geborene Nachfahrin des Morphium-Entdeckers F.W.A. Sertürner. Sie war eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt und der Kontakt mit ihr beeindruckte viele Menschen tief. Das Museum Hameln konnte 2006 einen Teil der Referenzsammlung der verstorbenen Künstlerin erwerben, also Werke, die sie bei sich behielt, um sie als Basis ihrer weiteren Arbeit zu nutzen.

Das Projekt dieser Ausstellung erprobte einen neuen Ansatz, nämlich die Verbindung der Ausstellung von Leben und Werk. Das Leben der Künstlerin sollte in seinen wichtigsten Stationen mit Referenzstücken im Museum gezeigt werden, besondere künstlerische Statements in der arche, der Sertürner sich ihr Leben lang verbunden fühlte. Das Konzept ging auf, die Verbindung von Objekten zur Familiengeschichte und ihren Werken ergab spannende neue Einblicke, der Besuch in der arche ergab dann weitere Anlässe, sich mit dem Lebenswerk auseinanderzusetzen.

Die tatkräftige, rastlose Auseinandersetzung der Künstlerin mit ihrem Werk und ließ sich an den gezeigten Beispielen, die die verschie-denen Schaffensphasen dokumentierten, gut nachvollziehen. Mit welchem hohen Anspruch Sertürner arbeitete, geht aus einem Zitat von Manfred de la Motte hervor: „[J]edes Bild ist ein neues Bildproblem, das Früheres aufgreift und Künftiges vorbereitet. Das Erreichte wird nie absolut gesetzt, Pause machen gilt nicht, es ist ein Arbeiten, das ständig Themen markiert, neue Einsatzstellen aufzeigt und Vergangenes zurückholt. Es ist ein Prozess, der spiralförmig verläuft: Arbeiten, Erfahrungen sammeln, Findungen einbauen, zurückkehren, derweil die malende Hand sozusagen die Welt umfahren hat. Also Rückkehr zum Anfang, nur eben eine Stufe höher, schraubenartig“.

Die Stadt Hameln verlieh Wernhera Sertürner aufgrund ihrer Verdienste für die Stadt Hameln 2001 den Ehrensold. Eine verdiente Anerkennung für die Künstlerin, die in einer Reihe öffentlicher Sammlungen vertreten ist und die sich eine lange Ausstellungsliste im In- und Ausland erarbeitet hat.

Der Entdecker des Morphiums, Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783-1841), hatte 1822 die Rathsapotheke in Hameln gekauft, die er später an seinen jüngsten Sohn, Victor vererbte. Dessen Sohn Karl (1862-1943) wurde nach seiner juristischen Ausbildung Bürgermeister von Hameln und behielt diese Position von 1897 bis 1921. Karl Sertürner heiratete Elisabeth von Eckardtstein (1876-1972) und bekam mit ihr zwei Töchter: Ilsedore (1911-1997) und Wernhera (1913-2001).

Die beiden Schwestern wuchsen im Felsenkellerweg 4 auf. Ihre Kindheit war behütet und fröhlich. Wernhera besuchte wie ihre Schwester das städtische Oberlyzeum, die Viktoria-Luise-Schule. Sie war eine gute Schülerin mit vielen Interessen. 1932 machte sie Abitur und besuchte dann zusammen einen Hauswirtschaftslehrgang an der Städtischen Gewerblichen Berufsschule in Hameln. 1934/35 immatrikulierte sie sich an der Fakultät für Allgemeine Wissenschaften an der Universität Hannover und studierte dort zwei Semester lang Volkswirtschaftslehre und Kunstgeschichte. Das Thema Wirtschaft verfolgte sie allerdings nicht weiter, sondern konzentrierte sich auf eine künstlerische Ausbildung. Zusammen mit ihrer Schwester ging sie 1935 nach Berlin an die Reimann-schule. 1936 wechselte Wernhera an die Staatliche Kunstschule zu Berlin und wählte den Lehramtsstudiengang. Hier lernte sie ihren späteren Mann Reinhard Pfennig kennen, der ebenfalls Kunst studierte, um Lehrer zu werden. 1941 ging Wernhera nach München an die Kunstakademie. Sie lernte hier während ihrer Ausbildung die klassischen Grundlagen der Kunst und setzte sich mit unterschiedlichen Zugängen auseinander. Neben dem Fach Malerei war das die Grafik, aber auch die praktische Annäherung über das Werken faszinierte sie. Sie hatte einerseits Kontakt zu kritischen Lehrern und verfemten Künstlern gehabt, andererseits, um Geld zu verdienen, aber auch die politisch opportunen Wege eingeschlagen.

Wernhera Sertürner hatte 1940, nachdem Reinhard Pfennig schon 1939 eingezogen worden war, in Berlin geheiratet. Ihr Studium war abgeschlossen und sie wurde zu verschiedenen Einsätzen dienstverpflichtet. Unter anderem war sie in der Hamelner Töpferei tätig, beim Stahlwerk Concordia und auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Marwitz (Ostpommern). 1942 bekam sie ihren ersten Sohn. Ihren festen Standort hatte sie bei ihren Eltern in Hameln. 1946 kehrte ihr Mann aus dem Krieg zurück. Es gelang ihm, eine Stelle zu bekommen, die seiner Ausbildung entsprach:
Er wurde Dozent für den Bereich Kunst-unterricht an der Pädagogischen Hochschule in Iburg. Seine Familie folgte ihm dorthin und nun ergab sich auch eine Chance für die Künstlerin.

Wernhera erhielt einen Lehrauftrag an der Hochschule fund unterrichtete am örtlichen Gymnasium. Endlich konnte sie auch wieder künstlerisch arbeiten – eine Befreiung nach den Kriegsjahren. Nun standen alle Wege, alle Ausdrucksformen und Inhalte offen. Sie suchte und fand pädagogische Aufgaben, in dem sie an der Hochschule und an Gymnasien tätig wurde. 1953 bekam sie ihren zweiten Sohn, Andreas. In dieser Zeit wurde sie von der Galerie Wendtorf vertreten, die mehrere Ausstellungen für sie organisierte. Seit 1955 stellte sie regelmäßig als Mitglied der „jungen gruppe“ im Bund bildender Künstler aus. Auch im Stadtmuseum Oldenburg beteiligte sie sich an einer Gruppenausstellung. Ihre Werke fanden Eingang in öffentlichen Besitz.

1961 reisten Wernhera und Reinhard Pfennig das erste Mal nach Ischia. Wernhera fühlte sich so wohl, dass sie 1962 ein Grundstück in Sant’ Angelo erwarb, um dort ein Atelier zu bauen. Hier konnte sie sich nun ganz ihrer künstlerischen Arbeit widmen – fast jeden Sommer war sie auf Ischia. Ende der 1970er wurde das Atelier verkauft. Der Weg zwischen Hameln und Ischia war immer beschwerlicher geworden, aber auch das Leben zwischen den Polen der freien, künstlerischen Existenz in Italien und der Arbeit in ihrer Heimatstadt zehrte an den Kräften.

Die 1990er Jahre bildeten noch einmal eine reiche Schaffensperiode der kreativen Arbeit der Künstlerin. Allein in den Jahren 1991 und 1992 entstanden mindestens sechs große Ölbilder, die 1993 zu ihrer ersten Einzelaus-stellung der Künstlergruppe „arche“ unter anderem gezeigt wurden. Im März 2001 wandte sich die Künstlergruppe „arche“ mit dem Vorschlag an die Stadt Hameln, Wernhera Sertürner den Ehrensold der Stadt zu verleihen.

Im September 2001 erlitt Wernhera Sertürner eine Oberschenkelfraktur, von der sie sich nicht mehr erholte. Sie starb am 22. September 2001 in Hameln.

Die Ausstellung kam durch die großzügige Unterstützung von Klaus-Dieter Pfennig, dem ältesten Sohn Sertürners, und weiterer Leihgeber, wie der Nichte, Wernhera Peters zustande. Das Interesse war groß, die Ausstellung war mit insgesamt etwa 7.000 Besuchern außerordentlich gut besucht.

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