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Werkschau der Künstlerin Anne Holefleisch

Werkschau der Künstlerin Anne HolefleischDas Museum Hameln zeigte vom 2.6.2001 bis zum 15.7.2001 eine Werkschau der Künstlerin Anne Holefleisch (geb. 1955), die sich vor kurzem dauerhaft in Dohnsen niedergelassen hat. In den beinahe 20 Jahren ihrer künstlerischen Arbeit hat Anne Holefleisch auf der Suche nach ihrer spezifischen Ausdrucksform ein sehr vielfältiges und spannungsreiches Werk geschaffen. Deutliche Entwicklungslinien führen von den textilen Arbeiten, die während ihres Studiums an der HdK Berlin im Fachbereich Bühne und Kostüm bzw. während ihrer Tätigkeit als freie Kostümbildnerin an den Frankfurter Bühnen entstanden sind, zu den neuen Arbeiten mit dem Thema "Äpfel".

Während dieser Bilderzyklus ebenso wie die Arbeiten zum Thema "Fische" und "Köpfe" mehrfach in Ausstellungen gezeigt wurden (Frankfurt 1994, 1996/97, Mailand 1997, 1998, Loccum 1999/2000), hatte die Künstlerin ihre textilen Skulpturen bisher nie öffentlich zugänglich gemacht. Gleiches gilt für die außerordentlich ausdrucksstarken, mehr als ein Meter großen Figuren in Menschengestalt, die Anne Holefleisch bisher fest verschnürt versteckt gehalten hat.
Nun gestattet die Künstlerin uns und sich selbst einen Blick zurück, eine Auseinandersetzung mit ihrem bisher entstandenen Werk.

Auszüge aus der Rede zur Ausstellungseröffnung "anne holefleisch - werkschau 1982-2000"
am 1.6.2001 gehalten von Dr. Gesa Snell

[...]

Werkschau der Künstlerin Anne HolefleischDie Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und faßt Werkgruppen zusammen, konfrontiert diese jedoch auch mit späteren Phasen, um die Entwicklungslinien zu verdeutlichen. In der großen Vitrine rechts sind vor allem die ersten Schritte der Künstlerin zusammengestellt, allerdings auf eine sehr verdichtete Art. Man fühlt sich an eine Höhle erinnert, etwa an die Höhle Ali Babas, in der man immer wieder Neues entdeckt, auch wenn man schon lange hineinsieht. Verschiedene Dinge springen ins Auge: Es wird deutlich, daß sich Anne Holefleisch zunächst mit großen Vorbildern auseinandergesetzt hat. Dazu gehört Bacon, aber auch Nolde und Baselitz. Wer den Kopf verdrehen mag und wem es gelingt, die verschiedenen Schichten zu trennen, wird reich belohnt.

Diese Phase des "Ausmalens" auf dem Weg zur eigenen Bildsprache ist durch große Stilvielfalt geprägt, aber gewisse Konstanten im Werk Anne Holefleischs werden schon erkennbar: Da sind einmal die kräftigen Farben, die expressive, ungeschützte Auseinandersetzung mit dem Objekt. Da deutet sich aber auch schon die Grundfrage an, der die Künstlerin sich stellt und die der Schlüssel zu ihrem Schaffen ist: Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Außen und Innen, zwischen dem inneren Erleben, dem wahren Sein, und dem, was auf der Oberfläche einer Form davon sichtbar wird. Hierzu ein Zitat von Martin Buber, das dieses Suchen noch genauer beschreiben kann:

"In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist. Was aber an einem Menschen kostbar ist, kann er nur entdecken, wenn er sein stärkstes Gefühl, seinen zentralen Wunsch, das in ihm, was sein Innerstes bewegt, wahrhaft erfaßt."

Das Kostbare muß also entdeckt werden und auf eine solche Suche begibt sich Anne Holefleisch in ihren Arbeiten. Sie erweitert den Ansatz aber noch, indem sie den Prozeß des Verdrängens untersucht. Wie läßt sich das wirkliche Wesen des Menschen, das meist von allerlei Alltäglichkeiten verdeckt ist, freilegen?

Einen Schritt auf dem Weg des Verstehens stellen die menschenähnlichen Figuren dar. [...] Die vollplastischen Figuren sind so lebensecht, daß der verpackte "Walter" beim Transport an eine Leiche denken läßt und die Passanten erschreckt. Doch die äußere Form wird brutal gebrochen, wenn man diesen Wesen ins Gesicht sieht, Hände und Haare genauer in Augenschein nimmt. Hier ist das Verdrängte, das jeder Mensch vor den anderen – oft auch vor sich selbst – versteckt, nach außen getreten, wird sichtbar, und schockierend deutlich. Die Oberfläche ist nicht mehr intakt, und es sind vor allem die bedrohlichen, grausamen und erschreckenden Aspekte, die sichtbar werden.

Die Metamorphose, die Vergänglichkeit ist ein weiteres wichtiges Thema, das auch in anderen Arbeiten aufgegriffen wird. Einmal durch die sich auflösenden Gesichter, die krassen Farben, die an Verwesung erinnern. Aber auch durch die verwandten Materialien, zu denen getrocknete Feigen, Kandiszucker und Orangenschalen gehören. Es lohnt sich auch in diesen Gesichtern auf Entdeckungsreise zu gehen, sich auf den Weg in die unbekannte Welt unter der Oberfläche zu machen. Es wird klar: Nichts bleibt, wie es ist und in dieser Veränderung liegt Vergehen, Sterben, aber auch Chance auf Neubeginn und Entwicklung. [...]

Erholung bieten dann die textilen Skulpturen, die den Ausgangspunkt der Künstlerin in der Kostümbildnerei ganz deutlich machen. Hier werden die in der zeichnerischen Ausbildung erworbenen technischen Verfahren mit den Möglichkeiten eines völlig anderen Materials verknüpft und ihre Wirkung ausprobiert. Die z. T. sehr graphischen Stücke sind als erste Schritte auf dem Weg zu den späteren Apfel-Zyklen zu betrachten, sowohl was die Formen als auch was die kräftigen Farben angeht. Verschmitzte Reminiszenzen an die Menschenwesen finden sich jedoch auch, etwa in der üppigen weiblichen Gestalt oder dem rauchenden männlichen Gegenstück, doch fehlt ihnen alle Unruhe, alle Bedrückung. Auf eine rohe, brutale Phase folgte also eine weiche, dekorative, die mit Formen und Farben spielt.

Nach einigen Jahren scheinen die künstlerischen Ausdrucksfähigkeiten des textilen Materials indes ausgelotet und erprobt und Anne Holefleisch wendet sich neuen Motiven und neuer Technik zu. Diesmal sind es Gesichter, Köpfe. [...] Porträts sind es nicht, sie haben keine Persönlichkeit wie Nancy oder Hans. Hier geht es vielmehr um die Beschränkung, um die Konzentration auf das Wesentliche. Die Bilder richten ihren Blick nach vorn auf den Betrachter. Die Gesichter sind nicht in einem Raum verortet, nicht einmal mit einem Körper versehen. Wieder ist es die Frage nach dem Dahinter, nach dem Chaos der Gefühle. Einige Gesichter schreien den Betrachter beinahe an, sie scheinen die Bildebene, die Oberfläche zu sprengen und herauszutreten. Andere sind voll Traurigkeit, jedoch nicht still auf sich bezogen, sondern anklagend. Die Gesichter wollen ein Gegenüber, sie wollen Kontakt, um einen Austausch einzuleiten, einen Dialog. Diese gestische Malerei, voller Kraft und auch Gewalt, läßt den Betrachter nicht los, er wird förmlich hineingezogen in den Abgrund hinter der Leinwand.

An diese Phase schließt sich die bisher letzte an, die wieder im denkbar größten Widerspruch zu der vorhergehenden steht. Nun ist es die feingliedrige, disziplinierte Malerei, deren ausgefeilte Technik außergewöhnliche Wirkungen erzielt. Da sind zunächst die Fische, für die Stills aus einem Film über Fischfang die Inspiration lieferten. Der getötete Hai hat uns bereits an der Treppe empfangen und auf die Wucht der Ausstellung vorbereitet. Blut ist zu sehen, man spürt die Gewaltsamkeit des Todes. Mit einem solchen Anblick werden wir normalerweise nicht konfrontiert. Dekorierte man früher Schweinsköpfe mit Petersiliensträußchen im Fenster des Schlachters wird die ursprüngliche Form von Fleisch wie von Fisch heute meist schamhaft verschwiegen. Doch hier bekommen wir mit schmerzhafter Deutlichkeit vor Augen geführt, was Fischfang bzw. das Schlachten von Tieren eigentlich bedeutet. [...]

Selbst die Äpfel mit ihren munteren sonnigen Farben und ihrer blanken Haut wirken nur auf den ersten Blick dekorativ. Anne Holefleisch ließ sich hier von Äpfeln aus ihrem Garten inspirieren, die sie abphotographierte und dann malerisch übersetzte. Es handelt sich nämlich gerade nicht um eine photorealistische Darstellung, sondern um eine Verfremdung, eine Überhöhung der glatten, glänzenden Effekte. Die Äpfel sehen beinahe eisig oder verzuckert, hart und abweisend, jedoch nicht lecker und einladend.

Gerade dieses Sujet gestaltet Anne Holefleisch mit beeindruckender technischer Eleganz. Der besondere Glanz kommt durch eine Beimischung von Wachs zustande, doch wird damit eine falsche Fährte gelegt. Die Frage ist immer noch die nach dem Wesen oder der Materie, die hinter der polierten Fassade, der glänzenden Haut verborgen ist. Und diese Frage beantwortet sich nicht auf die Weise, wie man sie selber als Kind vielleicht ausprobiert hat, indem man einen Wecker auseinanderbaute oder einem Käfer die Beine ausriß. Sie beantwortet sich in der Auseinandersetzung mit der Kunst, in einem sich Einlassen auch auf beunruhigende Bilder und dazu möchten wir Sie ganz herzlich einladen!

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